Malerei & Graphik

Georg Esser hat sich intensiv mit den handwerklichen und technischen Aspekten der Malerei und Grafik befasst, sowohl im Rahmen der Ausbildung an der Werkschule Köln als auch später durch eigenes Erproben und Entwickeln. Im Folgenden soll zum besseren Verständnis seiner Bilder ein kurzer Abriss über wichtige Maltechniken und Graphiktechniken gegeben werden. Ein ausführliches Kapitel inklusive Glossar findet sich im Katalog „Georg Esser – Leben und Werk“ (2018).

Maltechniken

Trennung von Form und Farbe

Die im Mittelalter übliche, vor allem von Jan van Eyck, entwickelte und bis Tizian gebräuchliche Maltechnik der Trennung von Form und Farbe ermöglichte die Bildgestaltung als überschaubaren handwerklichen Prozess. Die Technik erlaubt eine äußerst naturnahe und detailgetreue Darstellung von Formen und wurde deswegen auch in der Moderne von Surrealisten wie Dali verwendet.

Nach einer Risszeichnung, die vom Meister angefertigt wurde und die – meist von einem Lehrling – auf die Bildfläche (mit Kreidegrund weiß grundierte Holztafel oder mit dünnem Leinen bespannte Holztafel) übertragen wurde, wurde die Schattenform entwickelt {… } Als nächster Arbeitsschritt erfolgt ein erster dünner, durchscheinender Überzug, die Lasur, aus magerer Harzölfarbe zur Entwicklung eines sogenannten Mitteltones und Gesamttones. Diese erste Schicht heißt Imprimitur. Der Gesamtton bestimmt den späteren Bildcharakter, ob kalt oder warm, gedämpft oder dunkel, etc.

Der Mittelton, der zwischen dem dunkelsten und dem hellsten Ton des Bildes liegt (es handelt sich oft um eine Erdfarbe, bei Dürer z. B. Ocker, oder bei Bartel Bruyn eine grüne böhmische Erdfarbe) gestattet die nun folgende Entwicklung der Form durch das und im Licht, die sogenannte Weißhöhung. Mit weißer Tempera wird das Licht gemalt, es entsteht die Plastizität und Dreidimensionalität des Bildes. Der Wechsel von Lasur und Weißhöhung erlaubt ein behutsames Entwickeln des Bildes und ermöglicht viele Korrekturschichten. Es können so Bilder von großer Tiefe und innerer Lebendigkeit gemalt werden. Von Tizian weiß man, dass er bis 150 Schichten malte, auch Stefan Lochner malte sehr viele. Georg Esser malte in seinen Kreuzwegbildern oft über hundert Schichten. Der Abschluss dieser formalen Seite des Bildes wird auch Grisaille genannt, bis zu diesem Punkt hat das Bild im Wesentlichen erst Ocker, Schwarz und Weiß als Farben.

Erst jetzt erfolgt die tatsächliche Farbgebung durch Farblasuren in reiner Ölfarbe in zum Teil mehreren Schichten und Lagen bis zur Vollendung des Bildes. Zunächst wird mit Leinöl ein Firnis aufgetragen (der sogenannte Zwischenfirnis), der 4-5 Tage durchtrocknen muss. Danach werden die einzelnen Formpartien mit der gewünschten Farbe lasiert (Lokalfarbe) {…} Maltechnisch gesehen ist die Farbgebung der einfachere Malvorgang. Grundsätzlich gilt, dass die Farbgebung umso leichter und müheloser gelingt je kräftiger und vollkommener die Untermalung ist. Da alle Malschichten jeweils durchtrocknen müssen, kann das Malen eines Bildes in der hier beschriebenen Technik sehr lange dauern.

Ton-in-Ton-Malerei

Die Ton-in-Ton-Malerei ist eine Art abgekürztes Verfahren, wobei die Trennung von Form und Farbe weitgehend aufgehoben ist und nur noch rudimentär zur Korrektur verwendet wird. Die Technik wurde etwa im 16. Jahrhundert entwickelt zur Gestaltung großer, repräsentativer Formate. Vor allem Tizian war entscheidend an der Entwicklung dieser Technik beteiligt. Sie wurde in modifizierter Form auch von Picasso und Beckmann verwendet (blaue oder rosa Periode).

Gemalt wird auf farbigem Grund mit toniger Farbe (meist Erdfarben), solche Gründe heißen Bolusgründe. Die Zeichnung wird locker mit dunkler Erdfarbe oder farbigem Grau aufgetragen und trocknen gelassen. Es wird sofort mit Weißhöhung aus Eitempera begonnen, das Weiß ist schon eingetönt. So können die Tendenzen der Lokalfarben durch Untermischen von Rot, Blau usw. festgelegt werden. Beckmann arbeitete z. B. viel auf rotem Grund, darin die Zeichnung locker eingearbeitet mit dunklerem Ton war. Es folgt ein farbiger Zwischenfirnis im Grundton. Korrekturschichten, die auch Farbe enthalten, können aufgetragen werden, bis der Künstler mit dem Ergebnis zufrieden ist. Von Tizian weiß man, dass er 40-50 Schichten malte. Am Ende folgt die farbige Vertiefung des Bildes durch mehrfache Lasuren.

Die Ton-in-Ton-Malerei erlaubt erstmals die Formsuche im Bild während des Malens und gestattet sehr freies Gestalten, so dass ein Bild, wie es Rembrandt oft gemacht hat, völlig umgeworfen und neugestaltet werden kann.

Alla-prima-Malerei

In der Alla-prima-Malerei werden Farbe und Form zugleich gemalt. Cézanne hat diese Technik als Erster entwickelt, also einen Apfel gleich in Rot gemalt, dann abschattiert und aufgehellt. Die Gefahr oder Schwierigkeit dieser Technik liegt darin, dass alle Farben mit Weiß aufgehellt werden und eine kalkige Wirkung entstehen kann. Philipp Otto Runge beklagte sich, dass „Leute wie aus dem Kalkeimer malen“. Anfänger der Malerei wollen oft alla-prima malen, weil man direkt ein Ergebnis sieht. Dabei wird nur zu leicht übersehen, dass auch diese Technik Kenntnisse erfordert. Auch in der Alla-prima-Malerei besteht die Möglichkeit, den Leinwandgrund zu präparieren, um einen Grundfarbton für das Bild zu erstellen.

Drucktechniken

Flachdruck

Flachdrucktechniken sind Lithographie, Monotypie, Offset-Technik (mechanisiertes Litho) und Siebdruck. Beim Siebdruck wird Farbe durch ein Sieb auf Papier gedruckt. An den Stellen, wo nicht gedruckt werden soll, wird mit Farbe oder photomechanisch abgedeckt. Nur die recht komplizierte photomechanische Abdeckung erlaubt im Gegensatz zur Farbabdeckung eine plastische Wirkung.

Die Lithographie, oder der Steindruck, wurde im 19 Jahrhundert von dem Notenstecher Alois Senefelder erfunden, der ursprünglich auf Dachdeckerblech arbeitete. Die Lithographie macht sich als Prinzip zunutze, dass sich Fett und Wasser abstoßen. Zuerst wird eine Platte aus Blech oder Stein fettfrei gemacht, z. B mit Essigsäure. Das Bild wird dann mit Fettkreide oder Fetttusche aufgemalt. Danach wird die Platte geätzt mit Salpeter/Königswasser oder mit Phosphorsäure. Durch den Ätzvorgang wird die Platte an den geätzten Stellen fettabstoßend, ausgenommen sind die Stellen, auf die mit der Fettkreide gemalt worden war. An diesen Stellen kann sie die fettige Druckerschwärze annehmen. Mit einer Walze wird Druckerschwärze aufgetragen, und es kann mit hohem Druck in der Presse gedruckt werden. Verwendet wird hierzu bei Steinen die sogenannte Reiberpresse (Hebelpresse, der Stein wird durchgeschoben). Es gibt Weiterentwicklungen der Lithographie, z. B. mit Umdrucken (erst auf Papier malen, dann auf Platte drucken, etc), Farblithos mit mehreren Platten übereinander, die durch nacheinander Durchpausen entstehen. Von den hier gezeigten Graphiken Georg Essers ist „Lumpi“ ein Dreifarbdruck, „Helios“ ein Siebenfarbdruck.

Tiefdruck

Im umgekehrten Fall zum Flachdruck wird die Farbe durch Druck der Presse aus der Tiefe einer Platte geholt. Diese Technik wird in der Kaltnadel-, Warmnadelradierung sowie bei Aquatinta und dem Zuckeraussprengverfahren angewendet. Bei der Kaltnadelradierung wird das Bild in eine Metallplatte geritzt. Die Platte wird mit Farbe eingestempelt, und der Künstler wischt die Farbe anschließend so wieder heraus, dass sie nur in den Vertiefungen verbleibt. Hier sind leichte Abweichungen möglich, so dass jeder Druck ein Unikat wird. Bei der Warmnadelradierung wird die Metallplatte mit Asphaltlack von beiden Seiten beschichtet und in den Lack das Bild geritzt. Anschließend kommt die Platte in eine Säurelösung. Die Säure vertieft die Einritzungen in die Platte hinein. Je nach Säure ist das Ergebnis leicht unterschiedlich, auch die Zeitdauer variiert. Rembrandt z. B. nutzte Essigsäure. Da dies eine schwache Säure ist, dauert die Ätzung lange, erzielt aber eine hohe Differenzierung, d. h., auch feinste Striche werden sichtbar. In Aquatinta wird teilweise mit Asphaltstaub auf der Metallplatte gemalt, was einen körnigen Effekt bei der nachfolgenden Ätzung ergibt.

Georg Esser arbeitete für seine Lithographien nicht auf Stein, sondern mit Alublech (Alugraphie). Als Säure verwendet er Phosphorsäure. Picasso hat teilweise auf Zinkblech zum Dachdecken gearbeitet, weil man da schöne Lavuren machen kann. Hierzu wird Lithotusche mit Wasser oder Terpentin verdünnt, was ein grisselige oder perlige Wirkung in der Zeichnung erzielen kann. Weil die Platten robust sind, können sehr hohe Druckauflagen hergestellt werden.

Eine weitere Tiefdrucktechnik ist das Zuckeraussprengverfahren, mit dem beispielsweise Matisse viel gearbeitet hat. Dazu wird {…}

Hochdruck

Beim Hochdruck, hierzu gehören Linolschnitte und Holzschnitte, wird aus der Platte alles ausgeschnitzt, was nicht mit Farbe in Berührung kommen soll. Dann wird die Platte eingeschwärzt und es wird vom hochstehenden Teil abgedruckt.

Glossar

Form: alles in einem Bild, was nicht Farbe ist. Es gehören die Umrisse dazu, die Figuren, die Schatten. Man kann es sich ähnlich vorstellen, wie ein Bild im alten Schwarz-Weiß-Fernsehen, als alles was zu sehen war, Form war, da Farbe abwesend war. Eine Form kann „gebunden“ sein, wie ein Kreis, Quadrat oder „frei“ in der Flächengestaltung.

Gesamtton: Farbe, die den Charakter des Bildes bestimmt, je nachdem, wie er gewählt wird: hell, dunkel, gedämpft, warm etc.

Gouache: ist eine Temperamalerei, d. h. Malerei mit wasserlöslicher Farbe, die erst nach dem Trocknen wasserunlöslich wird. Sie kann jedoch wasserlöslich bleiben, wenn sie Gummi arabicum angerührt wird.

Grisaille: Bild in der Technik der Trennung von Form und Farbe, bevor die farbigen Schichten aufgetragen wurden. Man kann die Schatten und die Weißhöhungen sehen.

Imprimitur: die erste Lasurschicht

Kreidegrund: Bezeichnung für die traditionelle erste, saugende Schicht auf einer Leinwand oder Holzplatte als Basis für die später aufzutragenden Farben. Der Kreidegrund besteht aus Bindemittel und Pigment und kann „fett“ oder „mager“ sein, je nach Anteilen in der Mischung. Zu fette Gründe können zu Rissen im späteren Bild führen. Als Materialien verwendet werden Leinöl, Kreide, Perlleim und Bleiweiß (sehr giftig), heutzutage auch Acrylgründe.

Lasur: dünner, durchscheinender Überzug mit einer Ölfarbe

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Hinweis

Auf dieser Website finden Sie Auszüge der Künstlerbiografie „Georg Esser – Leben und Werk“ (2018) von Dr. Annette Esser und Prof. Charlotte Esser (Hg.). Das vollständige Werk mit allen Texten und Bildern inklusive Werkverzeichnis können Sie bequem per E-Mail als Hardcover-Ausgabe oder als PDF bestellen.